
Experteninterview mit Dr. Quast - Teil 1
Medizinisches Cannabis verändert das Leben vieler Patienten und Patientinnen – oft dort, wo herkömmliche Behandlungen an ihre Grenzen stoßen. Doch was sind die eindrucksvollsten Erfolgsgeschichten? Wie steht es um die Fahrtüchtigkeit von Cannabis-Patienten? Und besteht die Gefahr einer Abhängigkeit?
Dr. Quast, erfahrener Schmerzmediziner aus Hannover und langjähriger Experte für die Cannabis-Therapie, teilt in diesem exklusiven Interview seine Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Praxis. Im ersten Teil unserer dreiteiligen Gesprächsreihe spricht er über beeindruckende Patientenfälle, Autofahren als Cannabis Patient bzw. Patientin und die Risiken einer Cannabis-Therapie.
Enmedify: Was hat Sie dazu bewegt, Arzt für medizinisches Cannabis zu werden?
Dr. Quast: Schon in meiner Assistenzarztzeit in den 90er Jahren haben wir in der Klinik auf Initiative meines Chefarztes medizinisches Cannabis eingesetzt – vor allem bei Tumorpatienten mit starken Schmerzen und Appetitlosigkeit. Seit der Legalisierung 2017 gab es im Rahmen meiner Schmerzbehandlung eine hohe Nachfrage, sodass ich mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe und seitdem viele Patienten damit behandle.
Enmedify: Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem ein Patient besonders profitiert hat?
Dr. Quast: Ja, ein junger Patient, Mitte 20, litt unter extremer Migräne mit etwa 25 Attacken pro Monat und war dauerhaft krankgeschrieben. Nach Beginn der Behandlung mit medizinischem Cannabis konnte die Anfallshäufigkeit bereits nach wenigen Wochen deutlich reduziert werden. Nach mehreren Monaten hatte er nur noch etwa einen Anfall alle acht Wochen und ist mittlerweile wieder voll arbeitsfähig.
Enmedify: Gibt es häufige Vorurteile oder Missverständnisse zum Thema medizinisches Cannabis?
Dr. Quast: Viele Patienten sind mittlerweile sehr gut informiert. Gelegentlich wird das Thema Abhängigkeit oder Suchtrisiko angesprochen. In solchen Fällen kläre ich über die Unterschiede zwischen medizinischem Cannabis und illegalem Straßen-Cannabis auf.
Enmedify: Kann man von medizinischem Cannabis süchtig werden?
Dr. Quast: Eine Abhängigkeit ist nur bei massiver Überdosierung möglich. In unserer Behandlung beginnen wir mit einer sehr niedrigen Dosierung und steigern sie, wenn nötig, langsam. Dadurch ist das Suchtrisiko nahezu ausgeschlossen. Auch wenn Patienten bereits Erfahrungen mit Straßen-Cannabis haben, lassen sich Bedenken in der Regel im Gespräch klären. Studien zeigen, dass bei kontrollierter Anwendung nach ärztlicher Vorgabe keine relevante Suchtgefahr besteht.
Enmedify: Wie gehen Sie damit um, wenn ein Patient oder eine Patientin mit dem Thema Substanzprobleme konfrontiert wird?
Dr. Quast: Wenn ein Patient bereits eine Vorgeschichte mit Substanzproblemen hat, klären wir das im Gespräch offen. Dabei prüfen wir sorgfältig, ob eine Cannabis-Therapie sinnvoll und sicher ist. Falls Bedenken bestehen, ziehen wir alternative Behandlungswege in Betracht oder arbeiten eng mit Fachärzten zusammen.
Enmedify: Darf ich mit medizinischem Cannabis Auto fahren?
Dr. Quast: Grundsätzlich ja, da es sich um ein ärztlich verschriebenes Medikament handelt. Allerdings muss die Fahreignung individuell geprüft werden. Patienten dürfen nur fahren, wenn sie voll konzentriert, aufmerksam und reaktionsfähig sind. In der Dosisfindungsphase, also ca. 4 bis 6 Wochen ab Therapiebeginn, wird dringend empfohlen, ganz auf das Autofahren zu verzichten. Danach muss jeder Patient selbst sicherstellen, dass er fahrtüchtig ist. Dies ist auch gesetzlich so geregelt.